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Angelika Colditz - Soldaten im Nirgendwo


Soldaten im Nirgendwo 

 


Die Nacht ist stickig. Der Himmel lodert. Der Krieg zerrt die Nerven der Soldaten stramm. Bündelt sie zur Energieschleuder, auf Abruf

einsatzbereit. Sirenen jaulen durchdringend ohne Unterlass. Die Kämpfer haben sich an ihre schrille Stimme gewöhnt. Feindliche Flieger jagen Tag und Nacht durch den gepeinigten Himmel. Schleudern ihre Bomben auf alles was sich bewegt. Gnadenlos.

Es muss Getroffene geben.

 
Zerschossene Wälder, zerbombte Ruinen, die einmal Häuser hätten 
werden sollen, plattgewalzte Felder, Leichen in jedem Krater, Verwesung und Fäulnisgeruch. Neue Einschläge katapultieren die Leichen von hier nach dort. Decken sie mit Erde zu und wieder auf und erneut wieder zu.

 

Und wieder auf.

 
Jetzt erst recht scheuen die Soldaten den Feind nicht. Sie stellen sich dem Geschehen, rüsten auf, bilden sich aus, dulden keinerlei Rückschritt mehr. Sie installieren eine Basis, Flakabwehr, montieren schwere Geschütze.

 

Endlich donnern die Kanonen dem verhassten Feind ihre wütende Antwort entgegen. Sie fauchen in den Himmel, speien aus gefährlichen Mündern und pumpen ihre tödliche Ladung in den bombenschwangeren Bauch der feindlichen Übermacht. Die Soldaten rasen im Fegefeuer ihrer Geschütze und lassen nicht mehr nach, bis der letzte Flieger zurückgewichen. Sie steigen über ihre eigenen Toten und geben keine Ruhe mehr. Setzen ein, sobald der Feind sich nähert.


***
 

 

Aber am Rande des Schlachtfeldes, in einer ihrer erbärmlichen Behausungen hegen und verbergen die Krieger einen kleinen, kostbaren Schatz. Haben sich ein winziges Stück Lebendigkeit inmitten der Verheerung bewahrt.

Ein kleines weißes Kätzchen lebt hier ungeachtet allem Tod und Verderben. Es schnurrt und kuschelt sich in die Arme und an die Wunden der Krieger. Das Tierchen zu streicheln und mit ihm zu sprechen entschädigt für viele qualvolle Stunden.

Das Kätzchen selbst hat sich längst an den Krieg gewöhnt. Es spielt auf dem Kampfplatz, springt über die Trümmer und ringelt sich in einem der Stahlhelme in den Schlaf. Es scheut nicht den Kanonendonner, auch nicht das Töten und Verletzen. Bald hockt es im Munitionsbunker während der Gefechte, bald kauert es in einem Erdloch neben den Geschützständen. Vielleicht möchte es den Kriegern nahe sein. Vielleicht möchte es auch bei ihnen sein, wenn ihnen allen die letzte Stunde schlägt.


***

 

Nach einer besonders schlimmen Bombennacht, die viele Verwundete hinterließ und die Geschütze aus den Verankerungen riss, scheint die kalte Morgensonne auch auf drei weinende Soldaten. An ihre zerschundenen Körper drücken sie das schwer verletzte Kätzchen, um es ins entfernte Lazarett zu schaffen.

 

Bitte, beschwören sie den Arzt inständig, tun Sie, was Sie tun können. 
Er, der schon alles gesehen und - entgegen seines ärztlichen Schwurs – zu viel Verderben hilflos geschehen lassen musste, nickt nur im stummen Einvernehmen. Es entsteht eine stille Verbindung inmitten der Verdammnis. Der wissende Blick des Arztes wird ruhig. Ernst erwidert er das stumme Flehen in den Augen der Soldaten. Er glaubt zu verstehen, was des Kätzchens Überleben ihnen bedeutet. Versprechen kann und möchte er nichts. Das wissen auch die Männer. Aber er nimmt ihnen nicht die Hoffnung. Und nährt einen allerletzten Trost.

Als sie sich zum Gehen wenden, wissen sie das Kätzchen zwischen die anderen Verwundeten gebettet. Ein hoffendes Lächeln mischt sich ihnen in den Schmerz.

 

Auch für jene Erschöpfte im Lager erscheint das Tierchen wie ein Symbol der Liebe inmitten der Zerstörung. Jetzt haben auch die Sterbenden etwas bei sich, für das es sich wenigstens noch zu sorgen lohnt. Sie nehmen dieses kleine Leben in ihre Mitte und es scheint als zögen sie, so lange sie es hüten, daraus ihren letzten Überlebensmut. In ihren Gesichtern schimmert eine Spur Dankbarkeit.

 

Die Zurückgegangenen wissen nicht, was aus dem Kätzchen werden wird. Vielleicht aber wird es überleben können.

 

***

 

In der darauffolgenden Nacht tut sich draußen auf dem Feld die Hölle auf. Der Feind fliegt ohne Unterlass, kesselt die Abwehr ein, nimmt sie zum Ziel seiner Attacke.

Granaten schlagen ein. pflügen den Kampfplatz um, die scharfen Splitter treffen die Soldaten mit voller Wucht.

Die Geschütze am Stützpunkt laufen heiß. Munition schleppen, laden, ausrichten, feuern - die verbliebenen Kämpfer verlieren jegliches Gefühl für Raum und Zeit. Alles scheint in Watte zu versinken. 

Dann fallen Brandbomben. 

 

Im Nu gleicht das Areal einem sengenden Inferno. Die Kanonen verstummen. Die Flammen zwingen die Soldaten in die Knie. Sie reißen sich die Stahlhelme herunter, zerren sich die brennenden Uniformen vom Leib, schreien, rennen verzweifelt und wälzen sich im Schlamm, der genauso kocht wie die Luft. Hoffen, wenigstens noch ihr nacktes Leben retten zu können. Sie suchen Schutz zwischen den zerschmetterten Baumstümpfen, die früher einmal ein Wald waren.


***

 

Da sie sich hier nicht verstecken können, sind sie gezwungen, sich flach auf den Boden zu drücken. Der Feind wird wiederkommen und alles auszulöschen suchen, was noch übrig ist.

 

In jenem trostlosen Moment sehnen sie sich nach einer Heimat, einem Ort, an dem sie einfach nur zu Hause wären. Doch es gibt keinen solchen Ort für die Soldaten. Diese verbrannte Erde ist ihre Heimat.

 

Schließlich graben sie sich an Ort und Stelle in die Erde ein. Machen sich dem Erdboden gleich, verbergen ihre Köpfe. Trinken Schlammwasser und stellen sich tot. Essen? Hauptsache, sie werden dem Feind nicht zum Fraß, der bald schon wieder zielsuchend herüberschwirrt und sich orientiert, wohin er seine frischen Bomben schmeißt.

Wer jetzt getroffen wird, stirbt lautlos. Der Feind wird nichts mehr davon merken. Ist dies der letzte Schachzug, den Feind um seinen Triumph zu bringen?

 
Nein, dem scheint nicht so. Die völlige Stille mag zuweilen feindseliger als die offene Abwehr sein. Die versteckten Kämpfer hören das gedrungene Heulen der feindlichen Fliegermotoren, die sich suchend im Kreis drehen und sich dabei selbst in die Quere kommen. Unsere Soldaten bleiben unsichtbar. 
Keine Antwort ist ein Symbol des Todes.

 
Der Feind hat aufgetankt. Die Flieger haben den Bauch voller Wut und Waffen. Sie laufen auf Hochtouren. Können nicht mehr stoppen, was sie in Gang gesetzt. Ihre Radare flirren. Drehen durch. Überhitzen. Der Hass kocht über. Die Turbinen zerbersten in der aufgestauten Aggression. Ihre Tanks zerplatzen, das Kerosin entzündet sich und ergießt sich über ihre eigenen Bauteile. Ihr Innenleben versengt, zerschmort, verglüht in der eigenen Raserei. Es heult, stinkt und lodert bis in den Himmel hinauf, der die Nacht blutrot färbt.


***

Die müden Soldaten in ihren kühlen Gräben erschauern bei dem gruseligen Schauspiel, das sich ihnen aus der Ferne bietet. Die Entwicklung folgt ihren Gesetzen. Und direkt neben sich erspüren ihre Finger winzige Grasspitzen, eine neue Hoffnung, die trotz allem die zerfurchte Erde durchbricht, in der sie ihrem Schicksal entgegenharren.

 
Dann wird es still. Sehr still.

 
Das Schlachtfeld erkaltet. Der Krieg hat tiefe Wunden in die Erde 
geschlagen und nichts, rein gar nichts, übrig lassen wollen.

Gegen Mittag kriechen die abgekämpften Männer aus ihren Löchern und suchen nach frischem Wasser und Essbarem. Vorsichtig atmen sie die Luft außerhalb der Gräben, als sei es verboten und könne Strafe nach sich ziehen. 

Nein, Frieden herrscht noch lange nicht. Die Fronten sind nicht restlos 
ausgemerzt. Auch der Feind ist nicht geschlagen, wie sie schnell merken müssen.  Der Feind existiert und hat eine Strategie. Er hat sich verschanzt. Scharfschützen liegen auf der Lauer. Wenn sich etwas regt, wird geschossen. Manchmal auch einfach so.

 
Die Soldaten fühlen sich zu elend zum Schießen. Haben auch keine Kampfeslust mehr. Aus dem Bewegungskrieg ist ein zermürbender Stellungskrieg geworden. Jetzt gibt es nur noch Verlierer. Einen Heldentod kann kein Heimatloser sterben. Einen Sieg kann kein Besiegter feiern. Wer jetzt noch stirbt, erlöscht einfach. Und wird zu namenlosem Staub. 


***

 

In irgendeiner solch staubigen, namenlosen Zeit erlöscht der Feind. Er stirbt in dem Glauben, für das Gute gekämpft, gemeuchelt und gemordet zu haben. Vielleicht glaubte er auch nicht? Es spielt keine Rolle mehr. Seine Existenz ist überflüssig geworden.

Übrig bleiben die zermürbten Kameraden in ihrem zerstörten, zerschlagenen Niemandsland. Suchend tappen sie durch den Frieden, der für sie bedeutungslos ist. Keiner scheint mehr zu wissen, wer wem den Krieg erklärt hat und warum. 


*** 

 

Am Ende setzt sich erneut das Leben durch. Es belebt sich das schaurige Terrain, es grünt aus den Rissen der Ruinen, es sprießt aus dem schlammigen, zerschlissenen Boden und es blüht auf den sinnlosen Gräbern der Verlorenen. Junges Gras wächst über das Desaster und lindert die Pein der Gepeinigten. Sie begreifen, dass jedem Ende auch ein Beginn nachfolgt.

Schließlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Überlebenden die Pflicht haben,  die Verwüstung wieder aufzuräumen. Das wenigstens sind sie den Gefallenen schuldig. Sonst wären alle Opfer sinnlos gewesen.

Die Männer, die bereits alles erlebt zu haben scheinen, ohne je gelebt zu haben, reichen sich die Hände. Ihre traurigen Augen richten sich in die Ferne, von der sie sich nichts versprechen. Dennoch vertrauen sie, doch ohne zu wissen, worauf.

Als sie schließlich in der Ferne einen winzigen weißen, sich bewegenden, Punkt ausmachen, warten sie still und geduldig. Ihr Blick wird ruhig.

 

Bald erkennen sie vier weiße Pfoten und ein grünes Augenpaar immer näher kommen. Und die Männer wissen. Es überrascht sie nicht. Es hat seine Richtigkeit. Lachen breitet sich unkontrolliert aus. Schluchzen stürzt hinzu. 

Als sie das Kätzchen hochheben, es auf ihre Arme nehmen, von Hand zu Hand weiterreichen, an ihre Körper drücken, fallen sie endlich auf die Knie. Sie sinken auf den Boden. Plötzlich können sie weinen ohne sich zu schämen. Wovon sie sich in letzter Not getrennt, ist zu ihnen zurückgekehrt.

 
Die Tränen der Krieger durchnässen das weiche Fell, rinnen über die zerschlissenen Uniformen, fallen auf die rauen Hände, benetzen die staubigen Pfoten und tropfen schließlich auf die geschundene Erde. Ihrer aller gemeinsamen Erde. 

 

Mit einem Mal können sie es fühlen:

 

Heimat finden sie dort, wo sich Leben verbindet.